Bauer DPS 2 und DPS 250
Ein Designglücksfall für höchste Ansprüche
Preis: 4500 Euro
von Michael Vrzal
Im Jahr 2000 hätte man eine Internet-Musikbörse gründen sollen. Die Zeichen standen gut: iPods, erschwingliche Breitbandanschlüsse, Web-Begeisterung. Der Markt sagte: Online gehen! Und nicht einen Plattenspieler bauen. Ein analoges Schallplattenabspielgerät! 2000! Noch dazu kein billiges! Ist das zu fassen?
Kapitel:
Wie beginnen?
Nischen sind eben nicht zu unterschätzen. Sagen wir, dass es in Deutschland an die 100000 mehr oder weniger audiophile Musikhörer gibt. Wenn nur die Hälfte von ihnen einen Plattenspieler betreibt, und von diesen wiederum jeder Zehnte ernsthaftes Interesse an höchstwertiger Analog-Wiedergabe zeigt, dann tummeln sich hier 5000 potenzielle Käufer. Wenn ich von denen nun ein mickriges Prozent für meinen Platten…
Plattenspieler bauen: Klasse Idee eigentlich.
Willibald Bauer stellt den DPS, mit vollem Namen „Der Plattenspieler“, also 2000 der Öffentlichkeit vor. Nur sechs Jahre später findet sich das Laufwerk in Vertriebsprogrammen von Amerika bis Asien, kann eine auf analoger Seite DPS-gespeiste Anlage die „Best Sound of the Show“-Auszeichnung der High End 2006 einheimsen. Wer hätte das gedacht? Zumal Bauer nebenbei noch einen HiFi-Laden zu führen hat.
Aber ohne die intimen Produktkenntnisse eines auf Analog spezialisierten Händlers würde der DPS sicher anders aussehen. Denn: Wie geht man die Konstruktion eines Plattenspielers heute an?
Das Rad, pardon, den Plattenteller neu zu erfinden dürfte beim besten Willen nicht mehr möglich sein. Ankoppeln, entkoppeln, Masse, Leichtbau, Reibrad, Riemen, tangential, radial – alles schon mal dagewesen. Im Grunde finden sich zwischen all den mehr oder weniger ausgetrampelten Wegen nach Rom keine unbetretenen Analogpfade mehr.
Stattdessen lautet das Zauberwort „Synergie“: die Kunst, einzelnen, gerne auch alten, aber klugen Ideen im Verbund zum Höhenflug zu verhelfen. Also das berühmte Ganze zu erschaffen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Und das – sicher nicht die geringste Herausforderung – trotzdem nach Plattenspieler aussieht.
Auf der Suche nach den Genen des DPS trifft man früher oder später auf zwei große Namen der Analogszene: Pink Triangle und Well Tempered. Plattenspieler beider Hersteller gehörten jahrelang zu Bauers Laden-Sortiment. Die professionelle Beschäftigung mit ihnen hat Spuren hinterlassen – was alles andere als offensichtlich ist, stellt man sich doch die Kreuzung aus Ultraleicht-Subchassis (Pink) und schwerem Schichtbau (Well), wenn überhaupt, irgendwie anders vor. Für Bauers Tellerlager war das von Pink – das eigentlich völlig anders aussieht – aber der gedankliche Ausgangspunkt. Ebenso findet sich auf dem britischen Laufwerk – und, ja, auf manchen anderen ebenfalls – auch ein konkav geschliffener, einteiliger Plexiglas-Teller samt unverzichtbarer Schraubklemme. Well Tempered wiederum lieferte die Inspiration zur Grundidee des drehmomentstarken Synchronmotors, der auf ein gebremstes Tellerlager arbeitet und zum spannungsfreien Mehrschicht-Aufbau.
Aus wie vielen Schichten „Der Plattenspieler“ wirklich besteht, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Nur Steinplatte, Holzbasis und Acrylauflage fallen sofort ins Auge. Die vollständige Liste geht dagegen so: Schaumstoffmatte, Granitplatte, Dämpfungsfüße aus geschäumtem Polymer, Multiplexplatte mit zwei Schwerfolie-Einlagen, Kork, Acryl. Verfolgt man den Weg bis zur Schallplatte, gesellen sich noch dazu: Stahl (das invertierte Tellerlager mit Achse und Lagerspiegel), Rubin (die Lagerkugel), ein „teilkristalliner Hochleistungskunststoff“ (so die offizielle Materialdokumentation: die im Teller eingesetzte Lagerbuchse), Plexi (der Teller). Nicht zu vergessen die Plattenklemme aus PVC.
Schicht auf Schicht
Grundsätzlich ist der DPS ein Subchassisspieler. Die drei leichtgewichtigen Dämpfungsfüße verwandeln sich unter dem Druck des fertig aufgebauten Drehers in eine äußerst effektiv entkoppelnde schwimmende Lagerung mit ideal tiefer Eigenresonanz. Sie auf der einen und die grüne, erstaunlich schwere Schaumstoffmatte auf der anderen Seite treiben der Granitplatte zuverlässig jegliche mineralische Klingelneigung aus. Akustisch toter geht’s nicht.
Auf den Füßchen ruht – das darf man wörtlich verstehen – das Holz-Gummi-Kork-Acryl-Vielfachsandwich. Bis auf die Dämpfungsfüße, die mit der Granitplatte verschraubt sind (und natürlich das Spezial-Multiplex), werden alle Schichten spannungsfrei aufeinandergelegt und bedämpfen sich ausschließlich durch ihr Eigengewicht.
Gebremste Tellerlager sind eine rare Spezies. Mir fällt nur das von Well Tempered ein, das mit seiner Fünfpunkt-Lagerung aber auch ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Der große Konsens scheint zu lauten: So wenig Reibung wie möglich, erstrebenswert ist eine maximale Nachlaufzeit.
Nun gibt es aber auch folgende Theorie: Was, wenn die nicht unbeträchtliche Schwungmasse des Tellers, die so herrlich leichtgängig zwischen der konstanten Energiezufuhr des Motors und dem moduliert bremsenden Abtastvorgang hängt, sich verselbstständigt und dank ihres Trägheitsmoments unkontrolliert auf das beidseitige Gezerre reagiert? Mit definierter „Vorbelastung“ des Tellerlagers dagegen müsste die Nadelreibung zu einer vernachlässigbaren Größe schrumpfen.
Gedacht, getan. In der Lagereinheit des DPS hält ein Gummiring auf der feststehenden Stahlachse Kontakt zur übergestülpten Kunststoff-Lagerbuchse. Das treibt ganz nebenbei dem invertierten Lager jegliche Pendelneigung um die oben sitzende Lagerkugel aus. Bei abgenommenem Riemen lässt sich der Teller zwar mühelos in Bewegung versetzen, stellt in Sachen Nachlaufzeit aber keine Rekorde auf. Dafür folgt die vergleichsweise leichte Plexischeibe ohne den geringsten Überschwinger dem Diktat des Antriebs – wie eine Geschwindigkeitsumschaltung während des Hörens eindrucksvoll belegt.
Dass eine solche Bauweise mit dem Motor steht und fällt, versteht sich von selbst. Drehmomentstark und lastunabhängig muss der Antrieb sein, gleichzeitig aber auch extrem laufruhig, wegen der innigen Ankopplung, die zur optimalen Kraftübertragung nötig ist.
Hubraum
Bauer löst die Aufgabe mit einem Synchronmotor ungenannter Herkunft, dem er eines von zwei zur Wahl stehenden aufwendigen Netzteilen vorschaltet. Der Motor erlaubt nämlich, Achtung, die Ansteuerung sowohl mit zwei als auch mit drei Phasen! In der Standardausrüstung als DPS 2 kommt die Versorgungsspannung aus einem ziegelsteingroßen Metallgehäuse, das sich gestaltungstechnisch vor keinem Labor-Prototyp zu verstecken braucht und technisch anderweitig durchaus schon das Ende der Fahnenstange markieren dürfte. Im Inneren steckt eine waschechte High-End-Endstufe mit an der Gehäusefront zugänglicher Geschwindigkeitswahl (33 1/3 und 45 UpM) und -feineinstellung. Diese bekommt einen analog generierten Sinus zugeführt, den sie via Phasenschieber direkt an den Motor weiterreicht. Das kompakte Kraftwerk ist für 70 Watt Ausgangsleistung gut und wird, bei entsprechend freundlichen Außentemperaturen, beachtlich warm. Wer sich für den DPS 3 entscheidet, bekommt statt einer Endstufe derer drei. Am Plattenspieler wird dann nur umgesteckt – sofern es sich um einen DPS aus der letzten, schon mit dem entsprechenden Motor ausgerüsteten Generation handelt. Die davor verbauten 12-Pol-Synchronläufer sind mit beiden aktuellen Netzteilen leider nicht kompatibel.
Was den Tonarm betrifft, so staunt der Laie, und der Kenner schnalzt mit der Zunge. Ist es doch längst kein Geheimnis mehr, dass die unscheinbaren Budget-Modelle aus dem Hause Rega mit ein klein wenig Hilfe zu klanglichen Höchstleistungen gut sind. Den im Basispaket verbauten DPS 250 schmückt eine neue Innenverkabelung mit bis zu den feinen Eichmann-Bullet-Plugs unterbrechungsfreien Solid-Core-Leitern. Im selben Arbeitsgang bedämpft Bauer das konische Armrohr. Als Gegengewicht kommt die Rega-eigene Aufrüstversion aus Wolfram zum Einsatz, und mit der Befestigung durch eine seitlich in die Acryl-Topplatte geführte Madenschraube entfällt der letzte klassische Kritikpunkt an den britischen Originalen – die fehlende Höhenverstellung.
Feinarbeit
Von all diesen Details merkt man, steht der DPS erst einmal fertig aufgebaut im Rack – nichts. Willibald Bauers Laufwerk macht einen zunächst irritierend schlichten, dann umwerfend eleganten Eindruck. Die Hand des gelernten Reprofotografen. Konsequent hat er die Proportionsvorgaben des Goldenen Schnitts angewandt, die bekanntlich nicht nur dem Auge schmeicheln, sondern auch in der Raumakustik Beachtung finden, wo mit ihrer Hilfe Resonanzen im Zaum gehalten werden.
Nicht weniger unsichtbar bleibt die verarbeitungstechnische Sorgfalt im Detail. Die Granitbasis etwa, sie ist nicht einfach poliert, wie sie in jeder Natursteinhandlung zu haben wäre, sondern fein geschliffen und mit Öl eingelassen. Der Riemen: nicht, wie üblich und bewährt, geschliffen, sondern extrudiert und auf konstante Materialdicke vermessen. Den Rundlauf des Motorpulleys justiert Bauer eigenhändig mithilfe einer Messuhr auf der Riemenlauffläche auf Mikrometer genau.
Einschalten macht Spaß. Den Motor in seiner schweren Edelstahlbehausung reißt das eigene Drehmoment zu einem kurzen, aber heftigen Tänzchen innerhalb der wenigen Millimeter mit, die ihm der Zargenausschnitt gönnt. Für die Hochlaufzeit müsste sich kein Discolaufwerk schämen. Ein prüfendes Handauflegen auf das Motorgehäuse offenbart vollkommene Ruhe – perfekt. Von nun an darf der DPS durchlaufen. Soll er auch, sagt Bauer, benötige doch das gebremste Tellerlager durchaus ein, zwei Tage bis zur perfekten Geschmeidigkeit.
Es klingt
Jetzt möchte ich eine Platte vorstellen. Eine Klavierplatte aus gutem Hause, alles andere als exotisch, einer meiner Analog-Maßstäbe: Horowitz in Moscow (DG 419 499-1). Immer wieder mal setze ich die letzten Minuten einer der beiden Plattenseiten einem Testgerät vor, in der Regel, um es scheitern zu hören. Die wahnwitzigen Fortissimo-Eruptionen des alten Vladimir Horowitz stellen, zumal in weit innen liegende Rillen gepresst, System und Laufwerk vor eine harte Probe. Die Frage ist nicht mehr, ob es verzerrt, sondern wie sich Verzerrungen und Klavierinferno zueinander verhalten. Ein mehr oder weniger strukturierter Klangbrei als Resultat ist die Regel. Anders beim DPS. Gnadenlos bahnt sich der Diamant seinen Weg, nichts deutet auf verschärfte Abtastbedingungen hin, kein Wanken des Klangbildes ist zu spüren. Ja, es verzerrt. Aber erstens weniger als gewohnt, und zweitens auf einer völlig anderen akustischen Ebene. Deswegen stört es nicht.
Dieser Stoizismus begegnet mir bei der weiteren Beschäftigung mit dem DPS immer wieder, allerdings in unterschiedlichen Gewändern. Die überzeugende räumliche Darstellungskraft etwa kommt für mich aus der gleichen Ecke. Ein Flügel zum Beispiel, auf Position des linken Lautsprechers, und eine Sängerin, die nicht nur rechts davon, sondern auch deutlich tiefer im Raum steht, ja deren Distanz zur Boxenbasis man fast zentimetergenau angeben kann. Oder die Live-Aufnahme eines Orchesters – die Stimmung im Saal ist gelöst, das Publikum tuschelt ungeniert während des Spiels und bricht danach umso enthusiastischer in Applaus aus, und man selbst fühlt sich ins Parkett versetzt, nicht die erste Reihe, eher die 15., der Konzertsaal steht wie eine Eins, egal ob Piano oder Fortissimo, vom ersten Auftakt bis zum etwas unsensiblen Ausblenden.
Bauers Antriebskonzept, das meines Erachtens für diese klanglichen Resultate verantwortlich ist, ist demnach aufgegangen. Der Verbund aus be-, aber nicht überdämpftem Schichtbau mit tiefem Schwerpunkt, seidenweich laufendem Motor mit höllischem Drehmoment und spiel- und störgeräuschfreiem Lager hat ein Big-Block-mäßiges Durchzugsvermögen, lässt andererseits aber auch nichts an Subtilität vermissen. Wenn man das Laufwerk nicht frisch aus der Kiste bewertet. Denn das mit dem Freispielen des Tellerlagers stimmt – nach zwei Tagen blühen die Höhen auf, lockert sich das anfangs noch ein wenig grundtonzentrierte Klangbild merklich auf.
Tiefe und Druck
Die Basswiedergabe des DPS ist so gut, dass ich um eine separate Würdigung gar nicht herumkomme. Der Bass, er steht da wie in Stein gemeißelt. Weil nun aber, wie jeder Orchestermusiker weiß, saubere Bass-Grundtöne die Basis für alle Oberschwingungen darstellen, macht sich diese unumstößliche Tieftonpräzision bis in die feinsten Detailverästelungen bemerkbar. Es hat, in einem Satz, einfach vertikal alles seine Ordnung. Nichts franst aus oder hinkt nach. Eine Relaxtheit, die man hört und spürt.
Tonal gibt es keinerlei Auffälligkeiten zu vermelden. Mein äußerst neutrales Dynavector 17D2 hat auf dem DPS hörbar alles gegeben. Der zwischenzeitliche Wechsel des Entzerrer-Vorverstärkers vom Lehmann Black Cube SE zum doppelt so teueren Tom Evans Microgroove+ katapultierte die Darbietung nochmals in andere Sphären, änderte aber nichts an der generellen Ausgewogenheit. Wie aber der musikalische Fluss zunahm, die Dynamik regelrecht explosiv geriet … eine Traumkombi. Aber das wäre ein eigenes Thema.
Ob nicht der Rega-Arm das Laufwerk unterfordert? Vermutlich, nur ist es kaum vorstellbar angesichts der überragenden Souveränität dieser Kombi. Dass der kleine Arm mit vernünftiger Verkabelung und massereicherem Gegengewicht weit über sein Preisschild hinauswachsen kann, weiß ich mittlerweile – siehe der Bericht über den Rega P3 und dessen Ausbaustufen in diesem Band. Andererseits kooperiert Bauer nicht umsonst mit dem Tonarmtüftler Frank Schröder. Eines von dessen Modellen trägt sogar den Namenszusatz „DPS“ (Test in image hifi 6/2003) – da wird also sicher noch Potenzial vorhanden sein.
Was ist dann überhaupt noch vom Dreiphasen-Netzteil zu erwarten? Es war mir nicht vergönnt, es im Vergleich zu hören. Willibald Bauer sagt: nochmals gesteigerte Plastizität, Dreidimensionalität, Realismus. Wenn das wahr sein sollte … Ehrlich gesagt scheint mir eine weitere Verbesserung gerade in diesen Disziplinen nur schwer vorstellbar. Keine Frage: Ich muss es noch hören.
Bestanden
Also gar keine Schattenseiten? Nun, im direkten Vergleich zu einem charaktervollen Plattenspieler wie dem Linn LP12 kann der DPS beim Erstkontakt einen Tick überkorrekt wirken. Der Schotte ist ein Instrument, das, optimal eingestellt, zu singen und swingen beginnt. Derartige Eigeninitiative ist nicht die Welt des DPS. Der Dreher aus München spielt einfach Schallplatten ab – und das extrem gut. An vorderster Stelle steht bei ihm die Einsicht in die Aufnahme. Wie er diese Zielsetzung erfüllt, ohne auch nur ansatzweise in Analytik oder Notenbuchstabiererei abzudriften, das platziert ihn zwingend unter den Größten seines Fachs.
Dazu ist seine Praxistauglichkeit nicht zu unterschätzen. Ein DPS bringt seine resonanzarme Steinbasis samt nochmaliger Entkopplung von dieser serienmäßig mit. Von filigranen Kunstschmiedearbeiten und wackeligen Baumarkttischchen abgesehen, dürfte deshalb kaum eine Aufstellungssituation zu ernsthaften klanglichen Problemen führen. Die Laufwerksabmessungen liegen innerhalb des HiFi-Standards, es stören weder Tonarmausleger noch entfernt zu platzierende Antriebe.
Der DPS trifft, das ist vermutlich nicht zu übersehen, bei mir einen Nerv. Ich habe nicht alle existierenden Analoglaufwerke gesehen – aber für mich ist der DPS eines der schönsten. Ich habe auch längst nicht alle gehört. Aber der DPS ist die beste Signalquelle, die bislang in meinem Hörraum musizierte. Punktum.